Paul Scheerbart

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Pazifist und Poet

Hierdurch erkläre ich meinem lieben Mausel-Pausel, daß der Ratskeller zu Steglitz nichts taugt - und daß wir da nicht mehr hinzugehen brauchen. –Paulemann
aus: Paul Scheerbart: Liebes- und Schmollbriefe

Der lachende Verkünder der Selbstverständlichkeit des Friedens unter den Völkern.
Erich Mühsam über Paul Scheerbart

Paul (»Paulemann«) Scheerbart ist sicherlich einer der skurilsten und seltsamsten Schriftsteller in der an seltsamen und skurilen Persönlichkeiten nicht gerade armen Literaturszene zu Beginn dieses Jahrhunderts. 1863 in Danzig geboren, studierte er zunächst Philosophie und Kunstgeschichte in Leipzig, Halle, München und Wien, bevor er sich als 24jähriger dauerhaft in Berlin niederließ. 1892 gründete er hier den »Verlag deutscher Phantasten«, der ihm – wie später viele seiner Projekte – zwar keinen Erfolg brachte, ihn aber dafür, wie er selber schrieb, »ein paar hundert Mark« zusetzen ließ. Er arbeitete mit bei Waldens expressionistischer Zeitschrift Der Sturm und veröffentlichte 1896 seinen ersten Roman Tarub, Bagdads berühmte Köchin. Wie dieser verkünden auch seine weiteren Romane schon im Titel, was den Leser erwartet. So zum Beispiel Na Prost! (1898), in dem drei Germanisten in einer Schnapsflasche durch das Weltall fliegen und die »seit Schopenhauer trübsinnige Literatur« mit »Na Prost!« kommentieren.

Weitere Titel aus dieser Zeit sind Rakkox der Billionär. Ein Protzen Roman oder Immer mutig! Phantastischer Booh-Booh-Roman. Viele seiner »Romane« sind von erfrischender Kürze, der Rakkox beispielsweise ist gerade einmal 22 Druckseiten lang.

Der Kritik galt Scheerbart als Humorist, was er selber so kommentierte: »Aus Wut bin ich sogar Humorist geworden, nicht aus Liebenswürdigkeit.« Doch er war mehr: Als Lyriker nahm er die DADA-Bewegung vorweg und vor allem war er ein entschiedener Gegner von jeglichem Militarismus, ein gänzlich unpreußischer Preuße, der in seinen Werken die Stützen des preußischen Staates, Militär und Beamtentum, verhöhnte.

Er war – hier ganz Kind seiner Zeit – technikbegeistert. Dies zeigt sich besonders in seinen utopischen Romanen und Erzählungen wie Lesabendio. Ein Asteroiden-Roman (1913) oder den Astralen Novellen von 1912. »Richtige« Technik jedoch war ihm fremd. Die phantastischen Maschinen seiner Romane funktionierten einfach ohne Erklärung, sie waren, wie auch die Sterne und Kometen, beseelte Wesen. »Die Physiker waren mir immer verhaßt«, schrieb er einmal. »Was ging mich Robert Mayer – und das Gesetz von der Erhaltung der Energie an?« Und an anderer Stelle:

»Die Materie ist, wie ich Ihnen schon sagte, viel komplizierter, als die Menschen anzunehmen die Gewohnheit haben. Ach ja! Als wenn die Gesetze unseres Sonnensystems von den Gelehrten abhingen. (…) Mit den physikalischen Gesetzen, die sich die gelehrten Erdrindenbewohner so einfach zusammenkonstruiert haben, kommt man in unserem Sonnensystem eben einfach nicht aus. Es ist einfach – alles komplizierter. Behandeln Sie die Sterne nicht als plumpe Breiklumpen – es sind die Sterne große lebende und denkende Wesen – ja selbst die Sternschnuppe ist ein denkendes Wesen – daran müssen Sie sich schon gewöhnen.«

Ganz in diesem Sinne arbeitete Paul Scheerbart seit 1910 auch an der Erfindung eines Perpetuum mobile, das er zärtlich »Perpeh« nennt. Und er versäumt nicht, in Briefen an seine Freunde jedesmal Grüße vom Perpeh auszurichten. Auch bei dem Perpetuum mobile ist die Technik Nebensache, mit Hilfe dieser Allzweckmaschine will Scheerbart vielmehr die Menschen vom Arbeitszwang befreien, freimachen für die »scholae« die »edle Muße« im Sinne Platons: ein spielerisches, von ständig wechselnden Eindrücken beherrschtes, ästhetisches Dasein. Auch das Weltall, so Scheerbart, sei schließlich nur in ständiger Bewegung, um uns neue Eindrücke zu liefern. Bei der Konstruktion des Perpeh wurde er von Ernst Rowohlt unterstützt, der mit Scheerbarts Katerpoesie 1909 das zweite Werk seiner verlegerischen Laufbahn herausbrachte. Rowohlt überzeugte Scheerbart auch, den Bau des Perpetuum mobile schriftlich festzuhalten und gab 1910 das skuril-charmante Büchlein Das Perpetuum mobile heraus. Darin bekannte Scheerbart:

»Die reale Wirklichkeit ist immer ganz anders und zerstört gar viele Phantasiereiche. Und so muß ich zum Schluß ehrlich gestehen, daß ich eigentlich die praktische Verwertbarkeit dieses Perpetuums nicht sehr heftig herbeiwünsche. Die Praxis wird viele meiner Phantasien zerstören. Das weiß ich ganz genau.«

Das Perpeh erschient wie ein komisches Vorspiel zu seinem ernstgemeintem Sachbuch Die Glasarchitektur (1914). Scheerbart beschäftigte sich mit diesem Thema, da seiner Meinung nach Backsteinbauten die Depression förderten. Ob diese Aussagen aus seiner Erfahrung mit der Steglitzer Wohnung, die er »trockenwohnte«, herrührten, weiß ich nicht. Jedenfalls beeinflußte Scheerbart mit diesem Werk eine ganze Generation expressionistischer Architekten, allen voran Bruno Taut, der 1914 auf der Kölner Werkbundausstellung ein Glashaus im Sinne Scheerbarts baute.

Und noch in einem dritten Bereich wurde mit – oder besser gesagt, ohne – Scheerbart Geschichte geschrieben, der Kabarett-Geschichte: 1906 erhielt eine unbekannte, 23 Jahre junge Schauspielerin im Kabarett Roland von Berlin einen Vertrag, Monologe von Paul Scheerbart vorzutragen, unter anderem den Radaubengel. Jedoch wurde dieser Vortrag drei Tage vor der Premiere von der Zensur wegen »antimilitaristischer Tendenzen« gestrichen. Auch durfte die Schauspielerin nicht – wie vorgesehen – im Etonboy-Anzug auftreten, da laut Polizeiverordnung Damen nach elf Uhr abends nicht im Herrenanzug auf die Bühne durften. In aller Eile wurde daraufhin mit dem damals ebenfalls noch unbekannten Komponisten Walter Kollo ein Chanson-Programm zusammengezimmert. Am Premierenabend war »tout Berlin« im Roland, die Schauspielerin trat auf und sang das Lied vom Schnackeduzchen. Das Publikum raste. Noch in derselben Nacht ließ der Direktor Schneider-Duncker neue Plakate drucken und kleben: »Claire Waldoff – der Stern von Berlin«. Und so begann die Karriere von Claire Waldoff damit, daß sie Paul Scheerbart nicht vortragen durfte.

Paul Scheerbart schrieb auch Lautgedichte wie Kikakokú! Ekoralábs! (1897) oder den Monolog des verrückten Mastadons (1901, im Geburtsjahr des deutschen Kabaretts). Damit ist er ein Vorläufer der DADA-Bewegung geworden, durchaus mit Christian Morgenstern zu vergleichen. Während jedoch Morgenstern aus der gleichmütigen Weltsicht des entrückten Mystikers schrieb, schrieb Scheerbart aus Wut und Zorn darüber, daß die Welt nicht so friedlich und schön ist, wie sie eigentlich sein sollte.

»Der Stern Erde«, läßt er seinen Protagonisten Knéparra, einen Mondbewohner, in Die große Revolution (1902) sagen, »gehört vielleicht zu den ganz abnormen Sternen, die vielleicht in der Welt nur den Beweis erbringen sollen, daß die große Welt auch imstande ist, die größten Dummheiten zu machen – daher das schnelle Absterben der irdischen Kreatur! Von diesem Standpunkt war das frühere Kriegswesen der Erdleute durchaus entschuldbar. Man sieht nicht ein, warum Kreaturen, die so unvollkommen sind, so ötepetöte mit ihrem Leben umgehen sollen. Das ganze Mordsleben auf Erden erzeugt, wenn mans ohne Mitgefühl von oben herab betrachtet, durchaus komische Effekte. Und wir haben daher wohl ein Recht, den Stern Erde zu den komischen Sternen zu rechnen.«

Einige Seiten weiter heißt es jedoch versöhnlich: »Trotz aller Unappetitlichkeiten hat dieser Stern doch soviel Drolliges, daß man ihm beinahe gut sein könnte.«

Mit Beginn des ersten Weltkrieges hörte jedoch für Scheerbart der Humor und die Versöhnung auf. War er doch noch 1909 in Die Entwicklung des Luftmilitarismus und die Auflösung der europäischen Land-Heere, Festungen und Seeflotten davon überzeugt, daß die Schrecken des Krieges den Menschen die Lust am Kriegsführen endgültig ausgetrieben hätten. Jetzt sah er die völlige Fehleinschätzung dieser frühen Theorie vom »Gleichgewicht des Schreckens«. Ihm blieb nur noch der individuelle Protest gegen Kriegsbegeisterung und Völkermord. Seit Ausbruch des Krieges nahm er, der Epikureer, der nichts so sehr schätzte wie gutes Essen, gute Zigarren und ein gutes Bier, keine Nahrung mehr zu sich. Paul Scheerbart starb 1915 den freiwilligen Hungertod.

Scheerbart hatte 1900 die Postbeamtenwitwe Anna Sommer geheiratet. Sie hatte wohl mit ihrer Pension die finanzielle Grundversorgung der Scheerbarts gesichert. Denn trotz zahlreicher Veröffentlichungen blieb Paul Scheerbart erfolglos. Er wurde von seinen Dichterfreunden (unter anderem Otto Julius Bierbaum, Erich Mühsam, Karl Heinz Strobl) mehr geschätzt als vom breitem Publikum. Nach seinem Tod gaben Freunde unter dem Titel Von Zimmer zu Zimmer die Liebes- und Schmollbriefe heraus, die Scheerbart fast täglich an seine Frau geschrieben hatte. Sie waren als materielle Hilfe für die nun völlig mittellose Witwe des Dichters gedacht.

Die Gesammelten Werke Paul Scheerbarts in 10 Bänden werden zur Zeit von der Edition Phantasia neu herausgegeben. Daneben gibt es zahlreiche, auch bibliophile Einzelausgaben. Und bei Reclam und Suhrkamp bekommt man preiswerte Taschenbuchausgaben als Einstieg in die phantastische und skurile Welt des Wahlsteglitzers Paul Scheerbart.

Scheerbart lebte von 1900 bis 1912 in der Thorwaldsenstraße 20 (heute Parkplatz Ecke Poschingerstraße) in Steglitz und danach bis zu seinem Tod in der Marschnerstraße 15 (Gedenktafel) in Lichterfelde. Er wurde auf dem Parkfriedhof Lichterfelde beerdigt.

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Erstveröffentlichung: die Zweitung, 17. Jahrgang, Okt. 1992


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